Ich stehe in einer Ausstellung und merke, dass ich länger bleibe als geplant. Nicht, weil ich alles verstehe, sondern weil sich etwas festsetzt. Eine Jahreszahl. 1973. Sie taucht immer wieder auf. Und plötzlich ist sie näher, als sie sein dürfte.

Die Dokumente sprechen nicht laut. Sie schreien nicht. Sie sind korrekt, sachlich, bürokratisch. Zensurverfügungen, Beschlagnahmungen, höfliche Formulierungen, die Gedanken unterbinden. Gerade diese Nüchternheit ist beunruhigend. Gewalt erscheint hier nicht als Ausnahme, sondern als Verwaltung. Macht tarnt sich als Ordnung.

Was mich erschüttert, ist weniger das Vergangene als das Vertraute daran.

Auch heute werden Argumente durch Emotionen ersetzt. Komplexität wird als Zumutung erlebt. Ambivalenz gilt als Schwäche. Wer zweifelt, gilt als unentschlossen. Wer fragt, als illoyal.

Das ist kein abstrakter Befund, sondern tägliche Erfahrung. Man begegnet ihm in politischen Reden, in Talkshows, in sozialen Medien. Wenn ein ehemaliger amerikanischer Präsident wie Donald Trump kritische Journalistinnen und Journalisten aus dem Weißen Haus ausschließt oder delegitimiert, weil sie angeblich „falsch berichten“. Wenn Pressekonferenzen zu Loyalitätstests werden. Wenn Medien nicht mehr danach beurteilt werden, ob sie recherchieren, sondern auf welcher Seite sie stehen.

Man sieht es, wenn komplexe Zusammenhänge wie Klimawandel, Krieg oder Migration auf einfache Schlagworte reduziert werden. Nicht, um sie verständlicher zu machen, sondern um sie emotional aufzuladen. Hier die Schuldigen, dort die „Anständigen“. Lösungen spielen dabei kaum eine Rolle. Entscheidend ist, dass Angst, Kränkung oder Wut einen Ort finden, an dem sie sich festsetzen können.

Auch der Erfolg der Alternative für Deutschland folgt genau diesem Muster. Sie erklärt keine Wirklichkeit – sie ordnet Gefühle. Sie benennt diffuse Ängste, ohne sie zu beruhigen. Sie verspricht Klarheit, indem sie Ambivalenz diskreditiert. Wer differenziert, gilt als Teil des Problems. Wer zögert, als schwach. Wer widerspricht, als Verräter.

Das erklärt auch, warum diese Partei Menschen erreicht, die keineswegs ungebildet sind. Es geht nicht um Intelligenz, sondern um psychische Entlastung. Wer sich dauerhaft ohnmächtig fühlt, ist anfällig für Narrative, die Ordnung versprechen. Nicht, weil sie wahr sind, sondern weil sie beruhigen.

Psychoanalytisch betrachtet handelt es sich um einen regressiven Prozess. Unter anhaltender Unsicherheit – politisch, gesellschaftlich, existenziell – greifen Menschen auf frühe Abwehrmechanismen zurück. Spaltung ersetzt Integration. Projektion ersetzt Selbstreflexion. Affekt ersetzt Denken. Das entlastet kurzfristig, kostet aber langfristig Orientierung.

Genau diese Mechanismen zeigen sich in autoritären Systemen – historisch wie aktuell. Sie beginnen selten mit offener Gewalt. Sie arbeiten mit Angst. Mit Vereinfachung. Mit der schleichenden Delegitimierung von Öffentlichkeit. Mit der Ersetzung von Wahrheit durch Zugehörigkeit.

Und doch erzählt diese Ausstellung noch etwas anderes.

Sie zeigt, dass Öffentlichkeit wirken kann. Dass Texte, Bilder und Sprache Halt geben können, ohne laut zu sein. Dass Fortschritt nicht linear ist, aber real. Dass Gesellschaften nicht nur regressieren, sondern auch lernen können.

Europa ist kein fertiges Gebilde. Es ist ein mühsam hergestelltes Gefüge. Es kann sich lösen, reißen, ausfransen. Aber es kann auch wärmen, schützen, verbinden. Es ist keine Utopie, sondern eine Errungenschaft.

Vielleicht besteht unsere Aufgabe heute nicht darin, immer neue Erklärungen zu liefern, sondern darin, nicht still zu werden. Zu beschreiben, was wir sehen. Zu benennen, was geschieht. Uns daran zu erinnern, was uns einmal gebildet hat: die Fähigkeit zu denken, zu zweifeln, zu unterscheiden.

Wir haben viel erreicht.
Und wir können viel verlieren.
Beides ist wahr.

 

Autorennotiz – Warum ich diesen Text schreibe

Dieser Text ist aus einer persönlichen Erfahrung heraus entstanden – dem Besuch einer Ausstellung in Barcelona zur Geschichte von Zensur, Öffentlichkeit und Mut in autoritären Zeiten. Die dort gezeigten Dokumente haben in mir Gedanken angestoßen, die sich nicht nur auf Geschichte beziehen, sondern auf unsere Gegenwart und auf Fragen, die mir auch in meiner therapeutischen Arbeit immer wieder begegnen.

Der Essay ist kein politischer Kommentar im engeren Sinn und kein Aufruf. Er ist ein Versuch, Zusammenhänge zu verstehen: warum Menschen in Krisenzeiten anfällig für einfache Antworten werden, warum Angst Denken verengen kann – und warum es zugleich so wichtig ist, offen, neugierig und sprachfähig zu bleiben.

Ich schreibe diesen Text, weil Nachdenken, Benennen und Einordnen für mich Formen von Verantwortung sind – in der Gesellschaft wie in der therapeutischen Arbeit.

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