Ich lese morgens einen Artikel über neue Taliban-Regeln und frage mich, in welchem Jahrhundert ich eigentlich aufgewacht bin.
Zur gleichen Zeit diskutieren am Nebentisch zwei Menschen darüber, ob man überhaupt noch „Grüß Gott“ sagen darf, ohne jemanden zu irritieren. In den Alpen, denke ich, darf man sich wenigstens noch duzen, sobald man denselben Berg hochläuft. Vielleicht rettet uns am Ende doch die Höhe. Manchmal denke ich, ich brauche inzwischen ein kleines Handbuch für Begrüßungen. Früher hatte man nur Angst, den Namen zu vergessen.
Manchmal wirkt es, als würde die Welt gleichzeitig rückwärts und vorwärts laufen.
Während irgendwo Frauen wieder Eigentum werden, streiten wir hier darüber, ob ein Pronomen schon Gewalt ist. Und ich sitze dazwischen und merke, wie schwer es geworden ist, überhaupt noch zu sprechen, ohne dass irgendwer zusammenzuckt.
Vielleicht ist es diese Unsicherheit, die mich nachdenklich macht. Früher sagte man Dinge, die heute kaum noch aussprechbar sind. Manche Worte verschwinden zu Recht. Andere hinterlassen ein Gefühl von Sprachverlust, als müsste man bei jedem Satz vorher den Boden auf Minen prüfen. Ich merke das manchmal an mir selbst — nicht aus Trotz, eher aus Verlegenheit. Sprache verändert sich schneller als Gewohnheiten. Und wer langsam schreibt oder denkt, stolpert eben häufiger.
Dann lese ich wieder über Amerika. Über jene Momente, in denen Grenzen überschritten werden, so offen, dass einem fast die Sprache wegbleibt. Aussagen, die früher undenkbar gewesen wären, werden mit einem Schulterzucken weggelacht. Und gleichzeitig reagieren andere mit einer Empörung, die kaum weniger absolut wirkt. Zwischen diesen Extremen entsteht etwas Merkwürdiges: eine Atmosphäre, in der alle sprechen — und doch kaum jemand zuhört.
Vielleicht hat mich das an etwas erinnert, das ich aus der Therapie kenne.
Kinder ändern im Spiel ständig die Regeln.
Ich habe einmal monatelang „Mensch ärgere dich nicht“ mit einem Mädchen gespielt, das die Regeln jedes Mal neu erfand, sobald ich kurz davor war zu gewinnen. Würfel flogen, Figuren wanderten zurück, neue Gesetze entstanden im Sekundentakt. Es war unerquicklich — und gleichzeitig hochinteressant. Denn es ging nie um das Spiel. Es ging darum, Ohnmacht zu vermeiden.
Andere Kinder machen das Gegenteil. Sie lassen mich gewinnen. Immer. Als wäre es unerträglich, selbst oben zu stehen. Da geht es nicht um Macht, sondern um Beziehung — um Sicherheit.
Vielleicht ist unsere Gesellschaft manchmal gar nicht so weit entfernt vom Spielteppich. Wenn die Unsicherheit wächst, ändern wir Regeln. Wenn Kränkungen zu groß werden, verschieben wir Bedeutungen. Manche kämpfen darum, immer zu gewinnen. Andere geben vorsorglich auf.
Und vielleicht ist das der eigentliche rote Faden:
Nicht die Frage, wer recht hat — sondern wie viel Unsicherheit ein Mensch, ein Kind, eine Gesellschaft aushalten kann, ohne die Regeln neu zu schreiben.
Autorennotiz
Diese Texte entstehen zwischen Therapieraum, Alltag und Spaziergangsgedanken.
Sie sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern persönliche Reflexionen – inspiriert von psychoanalytischen Ideen (u. a. Freud, Klein, Bion, Winnicott) und der manchmal überraschenden Komik moderner Wirklichkeit.
Und ja – manchmal ertappe ich mich dabei, in den österreichischen Bergen besonders laut „Grüß Gott“ zu sagen, wenn niemand zurückgrüßt. Vielleicht auch eine kleine narzisstische Kränkung. Vielleicht einfach der Wunsch nach Resonanz.