Vor einiger Zeit war ich bei einem neuen Zahnarzt. Mein alter war nicht mehr da, was immer ein leicht unsicherer Moment ist, weil man plötzlich wieder jemandem seinen Mund anvertrauen muss, den man nicht kennt. Bevor ich überhaupt in die Nähe eines Zahnarztstuhls kam, bekam ich ein iPad in die Hand gedrückt. Ein Fragebogen. Lang. Sehr lang. Ich suchte erst einmal meine Brille, was in solchen Situationen erstaunlich lange dauert, vermutlich, weil man sie genau dann nicht findet, wenn man sie dringend braucht. Dann begann ich, Krankheiten wegzuklicken, die ich nicht habe. Seite für Seite. Irgendwann kam ich zu einer Frage, bei der ich kurz innehielt: Jakob-Creutzfeldt-Erkrankung. Ich überlegte einen Moment, ob es klug wäre, hier vorschnell „Nein“ anzukreuzen. Man weiß ja nie. Nach ungefähr zehn Minuten hatte ich das Gefühl, entweder vollständig gesund oder bereits umfassend verstorben zu sein, und gab das Gerät schließlich zurück.

Der Zahnarzt selbst war freundlich. Das Problem kam später. Es begann mit der Zahnreinigung. Ich sagte vorsichtig, dass ich ein wenig empfindlich sei. Und dass dieser Schlauch im Mund – dieser kleine Schnorchel – bei mir erfahrungsgemäß eher dort saugt, wo kein Wasser ist. Ich formulierte das höflich, fast entschuldigend, so wie man Dinge formuliert, bei denen man nicht ganz sicher ist, ob man sie überhaupt sagen darf. Sie sah mich an. Kurz. Kein unfreundlicher Blick. Aber auch kein fragender. Eher einer dieser Blicke, die sehr klar machen, dass die Dinge hier ihren festen Ablauf haben. „Das gehört so“, sagte sie. Und in diesem Moment passierte etwas Merkwürdiges: Ich sagte nichts mehr. Nicht, weil ich überzeugt gewesen wäre. Auch nicht, weil es nicht mehr unangenehm gewesen wäre. Sondern weil ich plötzlich das Gefühl hatte, dass mein Einwand hier keinen Platz hat. Dass es einfacher ist, still zu sein. Sie arbeitete weiter, mit einem Instrument, das erstaunlich gut darin war, mich an meine eigene Zahnsubstanz zu erinnern – ein kleines, metallisches Werkzeug, das in meiner Erinnerung eine leicht satanistische Ausstrahlung bekam. Und ich lag da und ließ es über mich ergehen. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn jemand sehr nah an einem arbeitet und man gleichzeitig merkt, dass die eigene Wahrnehmung in diesem Moment keine Rolle spielt.

Später fragte sie, ob wir gleich einen weiteren Termin vereinbaren wollen. Ich sagte, wir lassen das erst einmal. Sie fragte nicht nach. Ich blieb freundlich. Und bin nie wieder hingegangen. Nicht aus medizinischen Gründen. Eher aus atmosphärischen.

Seitdem denke ich gelegentlich an diesen Moment zurück. An diesen kurzen Blick. Und daran, wie wenig es manchmal braucht, damit jemand aufhört, etwas zu sagen, das eigentlich wichtig gewesen wäre. Und manchmal ist es genau dieser Blick, der hängen bleibt – einen Moment zu lang, einen Hauch zu eindeutig. Als würde plötzlich etwas sichtbar werden, das besser unsichtbar geblieben wäre.

Ein freier Bauch zum Beispiel. Ein sichtbarer Körper. Einer, der nicht viel will – außer da zu sein. Nicht besonders provokant. Eher einfach vorhanden. Was ja bekanntermaßen eine der riskanteren Formen von Existenz sein kann. Ich höre von Schulen, in denen junge Frauen aus dem Unterricht geholt werden, weil man etwas sieht, das man angeblich nicht sehen sollte. Nicht weil es verboten wäre – oft gibt es gar keine klaren Regeln. Sondern weil es jemanden stört. Und dieses Stören bekommt dann einen neuen Namen: Anstand. Rücksicht. Schutz. Das klingt vernünftig. Und ist es manchmal auch. Aber nicht immer. Manchmal kippt etwas in dem Moment, in dem Bedeutung hinzukommt. Wenn aus einem Stück Stoff plötzlich eine Botschaft wird. Wenn eine Lehrkraft aus einem Körper eine Geschichte macht, die dort vorher nicht war. In dem Moment, in dem daraus Begriffe werden wie „unangemessen“ oder – in manchen Fällen – sogar „Prostitution“, verschiebt sich etwas Grundlegendes. Nicht, weil eine Grenze gesetzt wird. Sondern weil eine Bedeutung zugeschrieben wird.

Die Sexualisierung entsteht dann nicht aus dem Körper der Jugendlichen. Sondern aus dem Blick der Erwachsenen. Ein Blick, der sich erstaunlich schnell sicher ist, obwohl er sich eigentlich selbst betrachten müsste. Was dabei auffällt, ist eine gewisse Einseitigkeit. Erwachsene Körper dürfen sichtbar sein, auch wenn sie wenig Anlass zur ästhetischen Begeisterung geben. Das wird meist mit bemerkenswerter Gelassenheit hingenommen. Jugendliche Körper hingegen geraten schneller in den Bereich des Problematischen. Nicht, weil sie mehr zeigen. Sondern weil sie mehr auslösen. Der Blick wird unruhig. Und weil man diese Unruhe schlecht aushalten kann, wird sie verschoben. Nicht ich reagiere – sondern sie provoziert. Nicht mein Blick ist das Thema – sondern ihr Körper.

Eine elegante Lösung. Sie schafft sofort Ordnung. Leider nur an der falschen Stelle. Besonders bitter ist die Nähe zu bekannten Mustern. Die Idee, Kleidung sei eine Einladung, verschiebt Verantwortung. Sie entlastet den Blickenden und belastet die Betrachtete. Auch wenn das nicht bewusst geschieht, wirkt es strukturell ähnlich. Die Botschaft lautet dann: Wenn du so bist, bist du selbst schuld an dem, was ich fühle. Was mich daran nicht loslässt, ist weniger die einzelne Szene als das Muster. Dass junge Frauen so oft zu Projektionsflächen werden. Für Irritation. Für Unsicherheit. Für etwas, das man selbst nicht so genau benennen möchte. Und dass man ihnen dabei etwas nimmt, das eigentlich geschützt werden müsste: das Recht, sich im eigenen Körper zu bewohnen, ohne dafür beschämt zu werden.

Manchmal reicht ein Blick. Ein kurzes Innehalten. Ein beiläufiger Satz, der alles verschiebt. „Das gehört so.“ Und plötzlich wird es still. Die Jugendlichen sagen dann oft nichts mehr. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten. Sondern weil sie sehr schnell verstehen, wann es keinen Platz dafür gibt. Man könnte sagen, es gehe um Regeln. Man könnte sagen, es gehe um Anstand. Ich würde eher sagen: Es geht um den Blick. Und um die Frage, wer ihn trägt.

Denn manchmal ist es einfacher, den Körper eines anderen zu regulieren, als die eigene Irritation auszuhalten. Das ist vermutlich der eigentliche Skandal. Nicht der freie Bauch. Nicht der Stoff. Nicht der Körper. Sondern die Unfähigkeit vieler Erwachsener, ihre eigene innere Unordnung zu ertragen, ohne daraus sofort Ordnung am Körper eines anderen herstellen zu wollen.

Ich denke dann manchmal wieder an den Zahnarztstuhl. An das iPad. An Jakob-Creutzfeldt. An den kleinen Schnorchel, der sehr entschieden dort saugte, wo nichts zu saugen war. Und an diesen kurzen Blick, der jeden weiteren Satz überflüssig machte. Es sind völlig verschiedene Situationen, natürlich. Niemand wird in der Schule mit einem Metallhaken bearbeitet. Meistens jedenfalls nicht. Aber der Mechanismus ist erstaunlich ähnlich.

Vielleicht ist das der Blick, der sich schützt. Nicht der der Jugendlichen. Der der Erwachsenen. Und man weiß ja inzwischen: Schutzmaßnahmen sind selten ganz neutral. Manche dienen tatsächlich dem Schutz. Andere eher dem inneren Komfort derer, die sie anordnen. Der Unterschied ist nicht immer leicht zu erkennen.

Aber manchmal sitzt er einem einfach gegenüber
und sagt sehr freundlich:

„Das gehört so.“

Und es ist erstaunlich, wie oft genau das das Problem ist.

Autorennotiz:

Der Autor beobachtet gern. Vorzugsweise in Wartezimmern, Klassenzimmern und anderen Orten, an denen Menschen versuchen, sich richtig zu verhalten. Er interessiert sich für die kleinen Momente, in denen das nicht ganz gelingt – und für die größeren, in denen genau das vielleicht ganz sinnvoll wäre.

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