In den letzten Tagen habe ich zu viel Zeitung gelesen. Man merkt das daran, dass man irgendwann beginnt, mit Interviews zu streiten. Nicht laut natürlich, eher innerlich, so als säße man mit den Menschen aus den Interviews an einem Küchentisch.

Zum Beispiel mit einem Schüler aus einem Bericht über die Wehrpflicht. Er sagt, man müsse reden. Diplomatie, Verständigung, friedliche Lösungen – das seien die Dinge, auf die man setzen müsse. Krieg könne doch keine Antwort sein. Man nickt zunächst. Natürlich. Diplomatie ist eine der wenigen Ideen, die man immer noch guten Gewissens verteidigen kann. Der junge Mann wirkt ernst, vielleicht ein wenig verzweifelt, und wenn man ehrlich ist, erscheint es mit zwanzig auch völlig vernünftig, nicht sterben zu wollen. Ich hätte in diesem Alter vermutlich sehr ähnlich argumentiert. Nur meldet sich irgendwann eine zweite Stimme im Kopf. Sie fragt leise, was eigentlich passiert, wenn der andere gar nicht reden möchte. Man stellt sich die Szene vor: Man geht auf jemanden zu, streckt die Hand aus und sagt freundlich: „Lass uns reden.“ Und hinter ihm steht ein Panzer. 

Während man darüber nachdenkt, liest man weiter. Da ist diese Geschichte aus den USA, die seit Jahren durch Gerichte, Ausschüsse und Nachrichtenmeldungen wandert. Ein Mädchen, dreizehn, vielleicht vierzehn, vielleicht sechzehn – die Zahlen verschwimmen inzwischen ein wenig, weil Dokumente immer wieder verschwinden oder plötzlich wieder auftauchen. Zuerst heißt es, einige Akten seien falsch codiert worden. Ein technischer Fehler. Später erklärt eine Sprecherin des Weißen Hauses, das Mädchen habe vielleicht ein problematisches Leben geführt. Ein Ausdruck, der erstaunlich elastisch ist. Er passt auf vieles, vor allem aber auf Situationen, in denen man lieber nicht genauer hinschaut. Man liest diese Sätze zweimal, weil man sicher sein möchte, sie richtig verstanden zu haben. Es sind offizielle Sätze. Sätze aus Pressekonferenzen. Früher hätten solche Formulierungen vermutlich Karrieren beendet. Heute verschwinden sie im Nachrichtenstrom, irgendwo zwischen Börsenkursen und Wetterbericht. Und irgendwann erfährt man in einer Randnotiz, dass das Mädchen inzwischen tot ist. Man klappt die Zeitung kurz zu. Nicht aus Empörung. Eher aus einem Gefühl, das schwerer zu benennen ist.

Dann liest man weiter. Ein Präsident in Ecuador lässt Sicherheitskräfte in die Botschaft eines anderen Landes eindringen, um einen politischen Gegner zu verhaften. Diplomatisches Gelände gilt eigentlich als unantastbar – das steht in ziemlich vielen internationalen Abkommen. Mexiko protestiert. Ein paar Tage lang diskutieren Experten über Völkerrecht. Dann wird es wieder still. Die Welt ist offenbar ein Ort geworden, an dem selbst spektakuläre Regelbrüche nur noch eine erstaunlich kurze Halbwertszeit besitzen. Deutschland hat lange geglaubt, Diplomatie sei vor allem eine Frage guter Gespräche. Man erklärt Regeln, hält sich daran und geht davon aus, dass die anderen das irgendwann ebenfalls tun. Das funktioniert erstaunlich gut – solange niemand auf die Idee kommt, Regeln einfach für optional zu erklären. Irgendwann merkt man, dass Empörung ein erstaunlich ineffizientes politisches Instrument ist. Sie verbraucht viel Energie und verändert erstaunlich wenig.

Gestern habe ich deshalb beschlossen, weniger Zeitung zu lesen und stattdessen meine Bienen zu besuchen. Die schwarzen Bienen sind wieder aktiv geworden. Der Sommer hat sie geweckt, und wenn man vor einem Bienenstock steht, merkt man schnell, dass das Leben dort erstaunlich klar organisiert ist. Einige tragen Pollen, andere räumen auf, wieder andere scheinen vor allem damit beschäftigt zu sein, sicherzustellen, dass Menschen wie ich den Betrieb nicht unnötig stören. Ich habe den Fehler gemacht, den Deckel am Abend zu öffnen.

Das war pädagogisch unklug.

Die schwarzen Bienen sind nicht besonders geduldig. Eine von ihnen hat beschlossen, mich bis zur Haustür zu begleiten. Man könnte sagen, sie hat mir freundlich, aber sehr bestimmt erklärt, dass meine Anwesenheit nicht mehr erforderlich sei. Ich bin gerannt. Es gibt Momente im Leben, in denen man plötzlich sehr schnell versteht, was Verteidigungsfähigkeit bedeutet. Natürlich sind Bienen keine Diplomaten. Sie führen keine langen Debatten darüber, ob ein Angreifer vielleicht nur missverstanden wurde. Sie verfolgen eine deutlich einfachere Strategie: Wir wollen keinen Streit. Aber wenn du unser Volk angreifst, wirst du eine unangenehme Erfahrung machen. Man kann darüber lachen, wenn man mit leicht geschwollenem Ohr ins Haus zurückläuft. Und gleichzeitig denkt man: Vielleicht ist das gar kein so dummes Prinzip. Die Bienen leben übrigens erstaunlich friedlich miteinander. Sie bestäuben Obstbäume, sammeln Nektar und bauen Waben. Sie führen kein Wettrüsten, keine Pressekonferenzen und auch keine Talkshows. Aber sie wissen offenbar sehr genau, wann Verteidigung notwendig ist.

Wir möchten gern glauben, dass alles durch Gespräche lösbar ist. Und meistens stimmt das auch.

Nur leider nicht immer.

Ich habe den Deckel später wieder vorsichtig geschlossen. Die Bienen haben weiter gearbeitet, als wäre nichts gewesen. Während Menschen über Weltordnungen diskutieren, sammeln sie Pollen, bauen Waben und verteidigen ihr Volk. 

Es ist ein erstaunlich schlichtes System.
Aber es funktioniert.

Es ist keine Kristalltreppe.

Aber immerhin eine ziemlich stabile.

Autorennotiz

Der Autor verbringt einen Teil seiner Freizeit damit, Bienen zu beobachten. Das ist eine überraschend beruhigende Tätigkeit, besonders nach der Lektüre internationaler Politik. Bienen diskutieren nicht über Weltordnungen. Sie arbeiten einfach weiter. Das wirkt erstaunlich beruhigend. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, dass ein Bienenstock politisch besser organisiert sein könnte als manche Regierung. Allerdings haben Bienen auch einen entscheidenden Nachteil: Sie wählen ihre Königin nicht.

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