Über kollektive Depression, Selbstzerstörung und die Angst vor Veränderung

 

Manchmal scheint es, als sei der kollektive Ton unserer Zeit ein resigniertes Raunen. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht von Niedergang die Rede ist – vom Ende der Koalition, dem Absturz der Wirtschaft, dem moralischen Verfall. Schlagzeilen sprechen von Erschöpfung, Umfragen von Resignation. Und irgendwo dazwischen scheint eine seltsame Lust zu liegen – eine stille, dunkle Zufriedenheit, endlich sagen zu dürfen: „Wir haben es ja immer gewusst.“

Diese Lust am Niedergang ist kein politisches, sondern ein seelisches Phänomen. Sie hat etwas zutiefst Menschliches – etwas, das wir auch aus der Psychotherapie kennen. In der Depression etwa wird das Leben selbst zum Gegner; jede Hoffnung, jedes Zeichen von Kraft oder Aufbruch wird als Zumutung erlebt. Freud sprach vom Todestrieb, jener geheimen Kraft, die das Lebendige in die Ruhe des Anorganischen zurückführen will. Melanie Klein sah darin den Neid auf das Gute Objekt: Wenn das Leben unerträglich erscheint, wird das, was nährt, bekämpft. Und Bion beschrieb, wie Denken selbst angegriffen wird, wenn Wahrheit zu schmerzhaft wird.

Vielleicht erleben wir gerade genau das – eine kollektive depressive Bewegung, gespeist aus Enttäuschung, Überforderung, Orientierungslosigkeit. Die Welt verändert sich schneller, als wir sie verarbeiten können. Rollenbilder, Arbeitsmodelle, politische Gewissheiten – alles scheint zu schwanken. Und weil wir keinen inneren Container haben, der das Chaos hält, greifen wir zu primitiven Abwehrformen: Zynismus, Schuldprojektion, kollektiver Rückzug.

Der Pessimismus, der in den Medien und Alltagsgesprächen dominiert, erfüllt also eine psychische Funktion. Er schützt vor der Angst, sich neu ausrichten zu müssen. Wenn alles ohnehin verloren ist, muss man sich nicht mehr anstrengen. Das Scheitern wird zum Entlastungsmanöver: Wir erliegen der Faszination des Untergangs, weil er uns von Verantwortung befreit.

Ich denke an meinen Nachbarn, der mir einmal erzählte, dass er mit seiner Epilepsie „nicht mehr arbeiten könne“. Er sitzt den ganzen Tag im Garten, redet freundlich, scheint zufrieden – und doch liegt in seiner Haltung eine stille Kapitulation. Als hätte er die Idee, wieder Teil des aktiven Lebens zu werden, schon längst aufgegeben. „Ich schaffe das nicht mehr“, sagt er. Und in diesem Satz liegt weniger Schmerz als Erleichterung.

Vielleicht ist das auch die Stimmung eines ganzen Landes: ein kollektives „Ich schaffe das nicht mehr.“ Nach den Jahren der Pandemie, den Krisen, den Erschütterungen hat sich eine Müdigkeit ausgebreitet, die tiefer geht als wirtschaftliche Erschöpfung. Es ist die Müdigkeit einer Gesellschaft, die das Denken verlernt hat, weil sie keine Hoffnung mehr riskiert.

Erich Fromm sprach in seiner Flucht vor der Freiheit davon, dass der Mensch die Unabhängigkeit nicht erträgt, wenn sie ihn mit der eigenen Verantwortung konfrontiert. Auch hier liegt der Kern des Problems: Freiheit ohne Halt erzeugt Angst – und Angst sucht Führung, sucht Schuldige, sucht Erklärungen, die einfach sind.

So erklärt sich, warum autoritäre Bewegungen wieder Zulauf finden. Sie bieten scheinbare Ordnung, klare Feindbilder, einfache Antworten. Sie verwandeln Angst in Wut, Verunsicherung in Kampfgeist – und nähren damit genau jene destruktive Energie, die der depressive Anteil in uns unbewusst ersehnt: den Zusammenbruch, der alles beendet.

Aber was wäre das Gegenteil dieser Lust am Niedergang? Vielleicht die Bereitschaft, den Schmerz des Wandels auszuhalten, ohne ihn sofort zu bekämpfen. Das würde bedeuten, Verantwortung zu übernehmen, auch dort, wo sie unbequem ist. Es würde heißen, die Realität nicht nur als Bedrohung, sondern als Prozess zu begreifen – wie ein Magnetfeld, das sich neu ordnet, wenn man es stört.

Vielleicht ist das eigentlich Schwierige nicht der Wandel selbst, sondern die Bereitschaft, ihn auszuhalten, ohne sofort in Hoffnungslosigkeit oder Schuldzuweisungen zu fliehen.

Ich merke in der therapeutischen Arbeit oft: Veränderung beginnt selten mit großen Entscheidungen. Sie beginnt in kleinen Verschiebungen. In einem Moment, in dem jemand plötzlich wieder neugierig wird. In einem Satz wie: „Vielleicht geht es doch.“

Vielleicht braucht auch eine Gesellschaft genau solche kleinen Momente – Orte, an denen Denken wieder möglich wird, ohne gleich kämpfen zu müssen. Wo man zweifeln darf, ohne aufzugeben. Wo Zukunft nicht als Drohung, sondern wieder als Möglichkeit erscheint.

Und vielleicht ist die Lust am Niedergang deshalb nur die andere Seite einer Sehnsucht: der Sehnsucht nach Halt, nach Sinn, nach Lebendigkeit.
Wenn wir das erkennen, muss der Schatten nicht verschwinden. Es reicht vielleicht schon, ihn gemeinsam auszuhalten – und weiterzugehen.

Autorennotiz

Der Autor schreibt meist dort weiter, wo eine Frage offen bleibt – manchmal in der Therapie, manchmal im Alltag, gelegentlich auch zu Zeiten, die eigentlich fürs Schlafen gedacht waren.

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