Über politische Abwehrmechanismen und seelische Blindheit

 

Heute früh blieb ich an einem Artikel über die Spionagevorwürfe gegen die AfD hängen. Eigentlich lese ich solche Kommentare selten – sie ziehen mich sonst zu sehr hinein –, aber diesmal blieb ich dabei. Vielleicht aus einer Mischung aus Neugier und innerem Unbehagen. Unter dem Beitrag standen Hunderte Reaktionen. Und keine einzige schien auch nur den Gedanken zuzulassen, dass an den Vorwürfen etwas dran sein könnte. Nur Spott, Gegenangriffe, Abwehr. Ich dachte: Wie kann es sein, dass Menschen so geschlossen gegen jede Wirklichkeit argumentieren, die nicht zu ihrem Bild passt?

Je länger ich las, desto deutlicher spürte ich: Es geht gar nicht um Meinung, es geht um Abwehr. Es ist, als ob ein kollektives Ich sich verteidigt – gegen Angst, gegen Schuld, gegen Ohnmacht. Der Mechanismus ist uralt: Melanie Klein nannte ihn Spaltung. Das Gute wird abgespalten, das Böse nach außen verlagert. So bleibt das innere Gleichgewicht bestehen, doch die Realität zerbricht.

In der Psychotherapie sehe ich Ähnliches – jeden Tag. Eltern, die nicht erkennen, dass ihre Tochter depressiv ist; Mütter, die lieber an schlechte Freunde oder eine ungerechte Schule glauben, als an seelischen Schmerz. Eine Mutter – nennen wir sie M. – reagierte erst, als ihre Tochter nach einem Suizidversuch im Krankenhaus lag. Doch anstatt zu trösten, begegnete sie ihr mit Vorwürfen: Sie habe die Familie bloßgestellt, man müsse sich schämen. Für sie war der Schmerz der Tochter nicht erträglich – er bedrohte ihr eigenes inneres Gleichgewicht. Also verwandelte sie Mitgefühl in Anklage.

Solche Reaktionen sind keine Kälte, sondern Schutz. Hinter der Härte steht Angst – Angst davor, dass das eigene Ich zerbricht, wenn die Wahrheit zugelassen wird. Ich denke oft, wie viele dieser Abwehrformen in der Kindheit beginnen. Manche Eltern haben selbst Traumata erlebt, Verluste, Gewalt oder Vernachlässigung. Sie mussten früh lernen, das Schreckliche nicht zu sehen, um zu überleben. Später im Leben wird diese seelische Blindheit zu einer Gewohnheit.

Auch Jugendliche spiegeln dieses Prinzip. Ein Patient, J., sucht regelmäßig Nähe und stößt sie im selben Atemzug wieder ab. Wenn ich ihn auf seinen inneren Rückzug anspreche, reagiert er mit Wut oder Schweigen. Er kann die eigene Verzweiflung nicht sehen, weil sie zu gefährlich wäre – also wird sie auf mich projiziert. Ich werde zum Teil seines inneren Konflikts. Das ist klassische projektive Identifizierung, wie Klein sie beschreibt: Der andere trägt den unbearbeiteten Schmerz, damit man ihn nicht selbst fühlen muss.

Und auch in der Gesellschaft geschieht dasselbe. Die Ideologie schützt vor der Wahrheit, so wie Abwehrmechanismen das Ich vor der Angst schützen. Die Anhänger autoritärer Bewegungen erleben Kritik nicht als Chance zur Einsicht, sondern als Angriff auf ihr Selbst. Die kollektive Spaltung stabilisiert das fragile Gleichgewicht einer Gesellschaft, die nicht erträgt, was sie selbst verursacht hat.

Wilfred Bion schrieb, dass Denken dort entstehen kann, wo Schmerz ausgehalten wird – in einem Raum, der nicht sofort reagiert, nicht bewertet, sondern zunächst hält. Er nannte diesen Raum den Container.

Vielleicht fehlt uns gesellschaftlich genau so ein Ort. Einer, an dem Widersprüche bestehen dürfen, ohne sofort zu Kampf zu werden. Wo Unsicherheit nicht als Schwäche gilt, sondern als Anfang von Verstehen.

In der Therapie sind es oft kleine Momente, in denen so etwas plötzlich gelingt. Ein Augenblick, in dem jemand innehält, bevor er angreift. Ein Satz, der weniger sicher klingt – aber ehrlicher. Man merkt dann fast körperlich, dass Denken wieder möglich wird.

Vielleicht gilt das auch außerhalb des Therapieraums. Nicht jede Meinung muss sofort besiegt werden, nicht jede Angst gleich beantwortet. Manchmal reicht es, wenn etwas einen Moment länger bleiben darf, bevor wir es zurückweisen.

Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort – nicht im großen Konsens, sondern in kleinen Räumen, in denen Menschen lernen, das Unbequeme gemeinsam auszuhalten.

(Theoretische Bezugspunkte: Klein 1946/1957; Bion 1962; Freud 1912 – siehe Literaturverweise in der Ideensammlung)

Autorennotiz
Ein früher Text der Reihe – geschrieben zu einer Zeit, in der der Autor noch glaubte, man müsse komplexe Dinge möglichst gründlich erklären. Spätere Essays lassen gelegentlich mehr Luft dazwischen.

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