Ich lese Nachrichten und habe den unangenehmen Eindruck, dass sie sich gegenseitig beobachten.
Trump nimmt Putin Geld weg – vermutlich nicht aus Menschenliebe, sondern weil Geld wegnehmen zu seinen Kernkompetenzen gehört. Wo etwas glänzt, wird zugegriffen. Nebenbei schadet er damit einem Autokraten, was in diesem Fall fast schon als Kollateraltugend gelten darf. In russischen Blogs soll es knirschen, heißt es. Milliarden fehlen. Man merkt: Auch Imperien reagieren empfindlich, wenn man ihnen an die Tankstelle geht.
Putin wirkt plötzlich kleiner. Nicht weniger gefährlich, aber entzaubert. Ein Mann, der jahrzehntelang Macht aus Kälte gezogen hat, friert nun am eigenen System. Es ist, als trüge er einen Mantel, der einmal Größe versprach und jetzt nur noch zeigt, wie viel Luft darunter ist. Das ist kein Sieg der Demokratie, eher eine Erinnerung daran, dass selbst Zynismus Infrastruktur braucht. Und dass auch Härte von Dingen abhängt, die man nicht kontrolliert: Preise, Märkte, Geduld.
Gleich darunter ein anderer Text. Neue Ernährungsrichtlinien aus den USA. Weniger Zucker, mehr Gemüse. Steak darf bleiben.
Ich lese das zweimal, um sicherzugehen, mich nicht verlesen zu haben. Weniger Zucker – etwas, worüber wir hier seit Jahren sprechen, als handle es sich um ein metaphysisches Problem. Bei uns wird darüber diskutiert, ob eine Zuckersteuer vielleicht irgendwann unter bestimmten Umständen missverstanden werden könnte. Dort wird sie einfach angekündigt. Mit der Brechstange, ja. Aber auch mit Wirkung.
Ich bin Vegetarier und finde Steak trotzdem interessant. Nicht kulinarisch, sondern politisch. Steak ist der Kompromiss, den niemand liebt, aber alle verstehen. Während wir uns noch darüber streiten, ob Hafermilch eine Haltung oder bereits eine Provokation ist, setzt man anderswo Regeln. Grobe, unschöne, wirksame Regeln. Das irritiert mich. Und es ärgert mich ein bisschen.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil unserer Erschöpfung.
Dinge, über die man hierzulande jahrelang diskutiert, Kommissionen gründet und Papiere verfasst, während anderswo längst entschieden wird.
Bis dahin dürfen Kinder weiterhin früh lernen, dass süß billig ist und bitter kompliziert.
Auch eine Form von Erziehung – nur ohne Absicht.
Zwischen diesen Texten taucht ein Name auf. Epstein.
Einer, der früher ganze Seiten füllte und jetzt kaum noch eine Randnotiz bekommt. Man muss danach suchen. Und selbst dann findet man vor allem ältere Meldungen. Ein Thema, das offenbar abgeschlossen ist, obwohl nichts daran abgeschlossen scheint. Neue Daten, neue Bilder, neue Fristen – und erstaunlich wenig Gegenwart. Ablenkung funktioniert zuverlässig. Grönland, Venezuela, Öl, Ernährung. Die Welt ist sehr beschäftigt.
Manchmal frage ich mich, ob Öffentlichkeit ein Gedächtnis hat oder nur einen Aufmerksamkeitsmuskel. Einen, der schnell ermüdet.
Ich kenne dieses Verschwinden nicht nur aus der Zeitung.
Es hat einen anderen Klang, wenn man es einmal in einem Raum erlebt hat, in dem Akten schwerer wiegen als Stimmen und Gutachten mehr Autorität besitzen als das, was Kinder zu sagen versuchen. Manchmal sitzen dann viele Erwachsene an einem Tisch, sehr zuständig, sehr korrekt, und niemand hält mehr das, was eigentlich gehalten werden müsste.
Was dann passiert, ist selten laut. Es ist eher eine stille Umordnung. Verantwortung wandert. Zweifel werden verteilt. Am Ende weiß niemand so genau, wer eigentlich gemeint war. Oder wer geschützt werden sollte. Nur dass alles seine Ordnung gehabt hat.
Ich merke, wie sich diese Erinnerung neben die politischen Gedanken legt, ohne sich mit ihnen zu vermischen. Trump, Putin, Zucker, Verschwinden. Alles existiert gleichzeitig. Wie bei einem Spaziergang, bei dem man erst eine Baustelle sieht, dann ein schön saniertes Haus und kurz darauf eine Stelle, an der man besser nicht stehen bleibt.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Grübeln und Denken. Grübeln will auflösen. Denken darf nebeneinander stehen lassen. Widersprüche aushalten, ohne sie sofort zu erlösen. Dass jemand etwas Wirksames tut, aus fragwürdigen Motiven. Dass Regeln grob sein können und trotzdem helfen. Dass Dinge verschwinden, weil sie zu schwer wären, um sie wirklich zu halten.
Ich klappe die Zeitung zu.
Nicht, weil ich fertig bin, sondern weil der Tisch voll ist.
Autorennotiz
Dieser Text entstand beim Lesen mehrerer Zeitungen und dem Versuch, sie wieder zuzuklappen, ohne das Gefühl zu haben, etwas Wichtiges übersehen zu haben. Namen, Ereignisse und Erinnerungen stehen nicht in einem kausalen Zusammenhang, sondern nebeneinander – so wie sie es im Kopf oft tun.
Wer darin eine klare Haltung vermisst, möge beruhigt sein: Sie war vermutlich kurz abgelenkt.