Ich gehe durch die Siedlung und denke zunächst an nichts Besonderes.
Das ist meistens ein gutes Zeichen.

Der Nachbar ist wieder im Garten. Er arbeitet gründlich. Sehr gründlich.
Der Rasen ist kurz, die Hecken sind akkurat, die Sonne hat freie Bahn.
Meine Blumen stehen im Weg. Die meterhohen Sträucher auch. Es ist Brutzeit, aber das merkt man immer erst hinterher. Wenn es still wird.

Er meint es nicht böse. Wirklich nicht.
Er ist freundlich, hilfsbereit, frühberentet. Mit fünfzig. „Ging halt nicht mehr“, sagt er, und man glaubt ihm das sogar. Oder möchte es zumindest. Jetzt hat er Zeit. Für Ordnung. Für Licht. Für seinen Garten. Und ein bisschen auch für die Gärten der anderen.

Ich ärgere mich kurz. Dann denke ich: Vielleicht ist das gar kein Nachbarschaftsproblem. Vielleicht ist es ein Zeitzeichen.

Es gab einmal eine Zeit, da wurden Rollen nicht diskutiert.
Mein Vater ging arbeiten. Das war keine Heldentat. Das war ein Dienstag.
Meine Mutter war da, wenn ich aus der Schule kam. Auch das war kein politisches Statement, sondern Alltag. Niemand nannte das „Care-Arbeit“. Niemand twitterte darüber. Es funktionierte einfach – nicht perfekt, aber tragend.

Dieses System hatte viele blinde Flecken. Aber es hatte Halt.

Heute reden wir viel über Befreiung. Über Wahlmöglichkeiten. Über neue Rollen.
Und das ist richtig. Wirklich.
Aber manchmal habe ich den Eindruck, wir haben beim Aufräumen etwas mit entsorgt, das uns jetzt schmerzlich fehlt: die Selbstverständlichkeit von Verantwortung.

Vielleicht ist das die eigentliche Erschöpfung unserer Zeit.
Nicht zu viel Arbeit, sondern zu wenig Klarheit darüber, wer eigentlich wofür zuständig ist.

Leistung war früher kein moralischer Kraftakt. Man tat etwas – und war damit Teil von etwas. Heute ist Leistung ein Reizwort. Entweder toxisch oder verdächtig. Wer sich anstrengt, muss erklären, warum. Wer es nicht tut, erklärt ebenfalls – nur entspannter.

In der Psychoanalyse gilt Verantwortung als Ausdruck von Ich-Reife. Ein unspektakulärer Satz, der im Alltag erstaunlich unerquicklich wird. Verantwortung heißt nämlich, Schuld aushalten zu können, ohne gleich jemanden dafür zu suchen. Zu akzeptieren, dass Freiheit nicht gratis ist. Dass Bindung der Preis ist.

Vielleicht haben wir diesen Schritt kollektiv übersprungen.
Wir wollten frei sein, aber nicht gebunden. Sicher, aber bitte ohne Zuständigkeit. Empört, aber nicht haftbar.

Empörung übernimmt dann die Arbeit.
Sie fühlt sich aktiv an, ohne etwas zu kosten.
Sie ersetzt Handlung erstaunlich zuverlässig.

Man sieht das überall, wenn man einmal darauf achtet.
Im Garten. Bei Olga. In Gesprächen. In Therapien. Meistens ohne Absicht.
In dieser merkwürdigen Mischung aus Anspruch und Rückzug, die so viele Menschen müde macht.

Nicht laut. Nicht dramatisch.
Eher wie ein Raum, in dem alle sitzen bleiben, weil niemand mehr weiß, wer aufstehen sollte.

 

Autorennotiz

Entstanden bei einem Spaziergang durch eine gepflegte Siedlung, im Schatten sauber geschnittener Hecken und unsauberer Zuständigkeiten.
Beobachtungen wurden zusammengezogen, Rollen leicht überzeichnet, Gärten metaphorisch übernutzt.
Niemand wurde absichtlich gemeint.
Sollte sich dennoch jemand wiedererkennen, spricht das eher für die Zeit als gegen den Autor.

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