Manchmal entstehen die größten Aufregungen aus erstaunlich kleinen Dingen. Vor ein paar Tagen wollte ich ein iPad verschicken. Ich hatte es eingepackt, die Adresse auf einen Zettel geschrieben und erklärt, wohin es gehen sollte. Alles schien klar. Ein paar Tage später begann jedoch ein kleiner logistischer Krimi. Die Firma meldete: Das Gerät sei nie angekommen. Die Post meldete: Zustellung erfolgt. Also schrieb ich E-Mails, stellte Nachforschungen an und begann langsam zu überlegen, ob irgendwo zwischen Briefkasten und Logistikzentrum ein iPad durch Deutschland irrte. Die Vorstellung wurde umso dramatischer, je mehr Formulare ich ausfüllte. Am Ende stellte sich heraus: Das iPad hatte die Wohnung nie verlassen. Verschickt worden war nur der Zettel mit der Adresse. Das Gerät lag zwei Zimmer weiter auf einem Schreibtisch. Ich musste darüber lachen – und mich gleichzeitig ein wenig schämen. Vor allem, weil ich bereits zwei leicht indignierte E-Mails geschrieben hatte, in denen ich höflich, aber bestimmt auf das mysteriöse Verschwinden eines Tablets hingewiesen hatte. Wahrscheinlich gibt es in irgendeinem Postverteilzentrum jetzt einen Mitarbeiter, der sich fragt, warum Menschen neuerdings anfangen, einzelne Adresszettel als Wertsendung zu verschicken.
Seitdem denke ich öfter über Missverständnisse nach. Nicht nur über logistische, sondern über moralische.
Zum Beispiel über eine kleine Debatte, die vor einigen Tagen durch die Medien ging. Ein junger Politiker erzählte in einem Interview von einer Begegnung mit einer Schülerin und beschrieb sie dabei als ein Mädchen mit „rehbraunen Augen“. Der Satz war vermutlich unüberlegt. Politiker sollten solche Formulierungen wahrscheinlich vermeiden. Interviews besitzen eine erstaunliche Fähigkeit, aus beiläufigen Bemerkungen Dokumente zu machen. Was mich allerdings erstaunte, war weniger der Satz selbst als die Geschwindigkeit, mit der daraus ein moralischer Skandal wurde. In manchen Kommentaren klang es bald, als habe dieser eine Satz bereits tiefere Einblicke in den Charakter des Mannes eröffnet. Ich las das und dachte zuerst etwas ganz anderes. Ich dachte: Rehbraune Augen finde ich auch schön. Und plötzlich hatte ich ein leicht unangenehmes Gefühl – als hätte ich gerade etwas gesagt, das man besser nicht laut ausspricht.
Dabei ist Schönheit ein erstaunlich gut erforschtes psychologisches Phänomen. Menschen reagieren anders auf attraktive Gesichter. Sie bekommen mehr Aufmerksamkeit, oft mehr Vertrauen, manchmal sogar bessere Chancen im Beruf. Es gibt Studien, die zeigen, dass attraktive Menschen im Durchschnitt höhere Gehälter erzielen und vor Gericht sogar milder beurteilt werden. Man kann das kritisieren, moralisch problematisieren oder gesellschaftlich beklagen – aber verschwinden lässt es sich nicht. Unser Gehirn reagiert nun einmal auf Gesichter. Und manchmal eben auch auf schöne.
Ich merke das gelegentlich sogar in meiner eigenen Arbeit. Natürlich bemühe ich mich, Menschen möglichst neutral zu begegnen. Aber Menschen sind nicht neutral. Manche bringen eine Mischung aus Intelligenz, Humor, Sensibilität und vielleicht auch äußerer Attraktivität mit, die sofort etwas Sympathisches erzeugt. Andere wirken verschlossen, aggressiv oder einfach schwer zugänglich. Das ist keine moralische Bewertung. Es ist eine menschliche Reaktion.
Interessanterweise scheint genau diese menschliche Ebene im Moment besonders heikel zu sein – vor allem für junge Männer. In vielen Debatten wird ihnen erklärt, wie sie nicht sein sollen: nicht zu dominant, nicht zu fordernd, nicht zu männlich. Was genau sie stattdessen sein könnten, bleibt manchmal etwas unklar. Und dann liest man plötzlich andere Meldungen. Studien über die Generation Z. Überschriften, die wirken, als habe sie jemand mit leicht erhobener Augenbraue formuliert: „Jeder dritte junge Mann wünscht sich ein traditionelles Rollenbild.“ „Generation Z konservativer als die Boomer.“ „Manche junge Männer fühlen sich inzwischen selbst diskriminiert.“ Man liest das und fragt sich kurz, ob hier vielleicht zwei Entwicklungen gleichzeitig stattfinden: Auf der einen Seite der Versuch, alte Rollenbilder aufzubrechen. Auf der anderen Seite eine Generation, die offenbar versucht, irgendwo wieder Halt zu finden. Vielleicht ist das keine besonders elegante Entwicklung. Vielleicht auch keine besonders romantische. Aber sie könnte erklären, warum manche jungen Männer sich in Räume zurückziehen, in denen Rollen wenigstens noch halbwegs klar verteilt sind – zum Beispiel in virtuelle Welten, in denen Helden Helden sind, Gegner Gegner und Aufgaben eine eindeutige Lösung haben.
Früher hätte man vermutlich gesagt: Die Jungs sitzen zu viel vor der Playstation und essen Chips. Heute nennt man das digitale Lebenswelt. Das muss man nicht glorifizieren. Aber vielleicht sollte man zumindest versuchen zu verstehen, was dort gesucht wird. Denn wenn jede ungeschickte Bemerkung sofort als moralischer Skandal gelesen wird, entsteht irgendwann eine Atmosphäre, in der Menschen vorsichtiger werden, als es für offene Gespräche gesund ist. Oder sie sagen einfach gar nichts mehr.
Dabei fällt mir wieder mein verschwundenes iPad ein.
Dort war das Problem übrigens deutlich einfacher: ein falsch verstandener Auftrag, ein Zettel, der alleine auf Reisen ging, und ein Gerät, das zwei Zimmer weiter auf dem Schreibtisch lag. Manchmal habe ich den Eindruck, ein Teil unserer öffentlichen Debatten funktioniert ganz ähnlich.
Der Brief reist zuverlässig durch die Welt.
Das iPad liegt zwei Zimmer weiter.
Autorennotiz
Der Autor arbeitet als Kinder- und Jugendpsychiater und interessiert sich beruflich für die erstaunlichen Wege, auf denen Gedanken entstehen – und gelegentlich auch verschwinden. Privat versucht er, technische Geräte zu verschicken und gesellschaftliche Debatten zu verstehen. Beides gelingt nicht immer.