Wenn ich über das lese, was in Amerika geschieht, habe ich manchmal das Gefühl, ich sehe eine große Familienaufstellung. Da sind die, die enttäuscht wurden, die, die sich abgewertet fühlen, die, die glauben, ihre Bedeutung verloren zu haben – und einer, der sich groß macht, um das zu heilen. „Make America Great Again“ ist, wenn man genau hinschaut, kein politisches Programm, sondern ein seelischer Schrei: Mach mich wieder ganz.

Nach den großen Protesten in den USA, bei denen Millionen gegen Autoritarismus auf die Straße gingen, zeigte sich Trump mit einem Bild, das ihn als König inszenierte. Es war, als wollte er sagen: „Ihr könnt schreien, aber ich bleibe der, der über euch herrscht.“ Auf der psychischen Ebene ist das eine klassische narzisstische Abwehr: Die öffentliche Kränkung – ausgelacht, abgewählt, angegriffen zu werden – wird sofort umgewandelt in grandiose Selbsterhöhung. Freud hätte vielleicht gesagt: Das Ich schützt sich durch Identifikation mit der Allmacht. Der Schmerz der Ohnmacht wird nicht gefühlt, sondern in Überlegenheit verwandelt.

Jung hätte darin den kollektiven Schatten gesehen – das, was eine Gesellschaft nicht von sich wissen will. In der Figur des „Königs“ oder „Führers“ verdichtet sich das Unbewusste der Masse: die verdrängte Aggression, das Bedürfnis nach Stärke, die Angst vor Bedeutungslosigkeit. Wenn man den eigenen Schatten nicht anschauen kann, sucht man jemanden, der ihn lebt. Dann wird der, der provoziert, plötzlich zum Symbol für Authentizität.

Und das ist das Paradoxe: Je mehr sich die Gegner empören, desto stärker wird die Bindung der Anhänger. Die Empörung liefert Energie; sie macht das Machtspiel vollkommen. Es ist wie in einer Familie, in der ein Kind sich aufführt, weil es lieber Ärger bekommt als keine Beachtung. In der Psychodynamik nennen wir das eine negative Bindung: Aufmerksamkeit um jeden Preis – lieber als Objekt des Zorns, als gar kein Objekt mehr zu sein.

In der Gesellschaft funktioniert das ähnlich. Wer sich übersehen fühlt, sucht lieber in der Wut Zugehörigkeit als in der Leere. Und so werden Führerfiguren zu Projektionsflächen für all das, was ungelebt geblieben ist: Wut, Stolz, Eigenmacht, Auflehnung.

Wenn ich an Jugendliche denke, erkenne ich dieselbe Bewegung im Kleinen. Manche rebellieren gegen alles – Lehrer, Eltern, Regeln – nicht, weil sie so stark sind, sondern weil sie innerlich keine Grenze spüren. Rebellion ist dann der Versuch, sich überhaupt zu fühlen. Andere wiederum fügen sich vollkommen, erstarren in Anpassung, werden brav bis zur Selbstverleugnung. Beides ist Ausdruck desselben Schattens – des unbewussten Kampfes zwischen Ohnmacht und Macht.

In Familien zeigt sich das, was wir in Gesellschaften beobachten: Wer seine Angst nicht kennt, kontrolliert. Wer seine Wut nicht spürt, unterwirft sich. Und wer beides nicht aushält, sucht jemanden, der es für ihn lebt.
Vielleicht ist das das Grundmuster: Der Schatten, den wir in uns nicht aushalten, wird nach außen verlegt – im Großen wie im Kleinen, in der Politik wie in der Erziehung.

Wenn ein Kind seine Aggression zeigen darf, ohne dafür verstoßen zu werden, lernt es, sie zu integrieren. Wenn eine Gesellschaft sich mit ihrer eigenen Dunkelheit auseinandersetzt, muss sie sie nicht ausagieren. Aber wo der Schatten verdrängt bleibt, dort wächst er – im Geheimen, im Zorn, in der Sehnsucht nach einem starken Vater, der all das verkörpert, was man selbst nicht sein darf.
Vielleicht beginnt Freiheit da, wo wir den Mut finden, den Schatten in uns anzuschauen – bevor wir ihn im Anderen bekämpfen.

 

Autorennotiz
Dieser Text entstand aus der Beobachtung, dass politische Figuren oft weniger durch Programme wirken als durch die Affekte, die sie bündeln. Er verbindet gesellschaftliche Entwicklungen mit psychodynamischen Überlegungen und ist nicht als Diagnose gemeint, sondern als Versuch, kollektive Muster verständlicher zu machen.

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