Über Bilder, Projektionen und die Kunst, Ohnmacht auszuhalten


Ich stieß auf das Bild eher zufällig.
Eigentlich suchte ich nach etwas anderem – Nachrichten aus den USA, irgendetwas mit Haushalt, Shutdown, Drama in Etappen. Stattdessen blieb ich an einem Kunstwerk hängen, das nicht darum bat, betrachtet zu werden. Es lag einfach da. Unverschämt deutlich.

Ein Mann in orangefarbener Häftlingskleidung, festgeschnallt auf einer Liege, die verdächtig nach Kreuz aussieht. Arme ausgebreitet. Körper fixiert. Darunter ein Name, der inzwischen so vieles trägt, dass man kaum noch weiß, wohin damit: Trump.

Im ersten Moment war ich irritiert.
Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte. War das eine Verhöhnung oder eine Verherrlichung? Eine moralische Anklage oder eine ironische Heiligsprechung?

Etwas in mir sträubte sich. Vielleicht, weil das Bild etwas ansprach, das über Politik hinausging. Es war zu stark, zu aufgeladen, zu religiös. Der orangefarbene Anzug, das sterile Weiß, die Haltung des Körpers – all das erinnerte an Hinrichtungen, an Schuld, an das, was verdrängt wird und doch sichtbar bleibt.

Ich merkte: Dieses Bild lässt keine klare Haltung zu. Und genau das macht es so unangenehm.

In der Psychoanalyse würde man von einer Ambivalenzübertragung sprechen. Das Bild konfrontiert uns mit dem Doppelleben unserer moralischen Gefühle. Wir wollen auf der richtigen Seite stehen – und spüren zugleich eine eigentümliche Faszination für den Bestraften, Erniedrigten. Das Kreuz ist ein uraltes Symbol der Erlösung, aber ebenso ein Symbol absoluter Macht über Leben und Tod.

So steht dieser Körper dort wie ein Spiegel.
Zwischen Märtyrer und Täter.
Zwischen Opfer und Herrscher.
Zwischen Schuld und Unschuld.

Je länger ich hinsah, desto deutlicher wurde mir: Dieses Bild erzählt weniger über ihn als über uns. Über eine Gesellschaft, die ihre Götter selbst erschafft, um sie später zu opfern. Über das Bedürfnis nach Erlösung – und die gleichzeitige Lust an der Bestrafung.

Vielleicht zeigt die Skulptur gar nicht den Mann.
Sondern eine Kultur, die sich spaltet in Empörung und Bewunderung, in Verachtung und heimliche Sehnsucht nach Stärke. Wir verdammen Macht moralisch – und idealisieren sie zugleich. Wie Kinder, die sich an den Vater klammern, selbst wenn er sie schlägt, halten wir an jenen fest, die führen, bis sie fallen.

Während wir über Symbole streiten, hungern andere wirklich.
Nicht nach Macht, sondern nach Brot. Nach Liebe. Nach einem Menschen, der bleibt.

Ich denke an die Kinder und Jugendlichen aus meiner therapeutischen Arbeit. Kinder, die früh lernen, dass Schwäche gefährlich ist. Dass Gefühle besser versteckt werden. Dass Zuwendung an Leistung gebunden ist und Liebe entzogen werden kann, wenn man „zu viel“ ist. Auch sie erleben Ohnmacht – nicht in Schlagzeilen, sondern im Alltag.

Was sich in dieser Skulptur im Großen zeigt – Macht, Projektion, Verdrängung –, wiederholt sich im Kleinen in der Seele eines Kindes. Wenn ein Kind spürt, dass es nur dann gesehen wird, wenn es funktioniert, lernt es dieselbe Logik wie unsere Gesellschaft: Nur wer stark wirkt, darf bleiben.

Der Populist am Kreuz steht dann nicht nur für politische Macht.
Er steht für ein inneres Drama: zwischen Anpassung und Aufbegehren, zwischen dem Wunsch, gesehen zu werden, und der Angst, dafür bestraft zu werden.

Vielleicht berührt mich dieses Bild deshalb so.
Nicht, weil es eine Antwort gibt. Sondern weil es keine gibt.

Weil es etwas zeigt, das wir nur schwer aushalten:
dass Ohnmacht nicht verschwindet, wenn man sie benennt.
Dass Macht nicht aufhört, nur weil man sie entlarvt.
Und dass Moral allein kein Gegenmittel ist.

Das Bild lässt offen, was daraus folgt.
Es erlöst niemanden.
Es verurteilt niemanden endgültig.

Es hält etwas aus –
und verlangt dasselbe von uns.

Vielleicht zeigt es weniger eine Figur als einen Zustand.
Den Zustand einer Gesellschaft, die zwischen Empörung und Erschöpfung pendelt.
Die alles erklären kann –
und sich doch immer wieder dabei ertappt, wie sie hinschaut,
obwohl sie längst wegsehen wollte.

Und vielleicht ist genau das sein Verstörendes –
und sein Wahrheitsgehalt.

Manches muss man eine Weile ansehen.
Manchmal ist das schon viel.

Und aushalten, dass es bleibt.

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