Als ich das Video sah, war mein erster Gedanke keiner, den man veröffentlichen möchte. Trump überfliegt die Proteste, lässt sich filmen, wie er über denen kreist, die gegen ihn auf die Straße gegangen sind, und man spürt diesen einen Affekt, noch bevor man ihn denken kann: Ich scheiß auf euch. Nicht als Satz, eher als Geste. Als etwas, das von oben kommt und unten landet. Man sieht Menschen, die sich angestrengt haben, laut waren, sichtbar, und darüber einen Mann, der demonstrativ zeigt, dass er sie nicht einmal erreichen lässt. Wenn man es unfreundlich formulieren wollte: eine politische Variante der braunen Brühe, die man lieber nicht genau beschreibt. I hope it’s bread, denkt man kurz, und weiß im selben Moment, dass es das nicht ist.

Verachtung funktioniert ohne Argumente. Sie braucht keine Erklärung, nur Höhe. Wer oben ist, muss nichts begründen. Er zeigt. Das reicht. Psychologisch ist das eine erstaunlich ökonomische Haltung. Verachtung schützt vor Ohnmacht. Wer verachtet, muss nicht fühlen, wie sehr ihn etwas getroffen hat. Die Kränkung wird nicht verarbeitet, sondern abgeworfen. Nach unten.

Vielleicht ist das der Grund, warum solche Bilder so wirksam sind. Sie erlauben Identifikation ohne Risiko. Endlich einer, der nicht zweifelt, nicht zögert, nicht erklärt. Einer, der zeigt, dass man sich über andere stellen kann, ohne rot zu werden. Für manche ist das Provokation, für andere Erleichterung.

Ein paar Seiten weiter lese ich von Wolfram Weimer. Gestern noch Reformer, heute mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Kaum schlägt jemand vor, Machtverhältnisse anzutasten – große Plattformen, große Gewinne, große Selbstverständlichkeiten –, kippt der Ton. Es geht plötzlich nicht mehr um die Idee, sondern um den Charakter. Das Muster ist alt: Nicht widerlegen, sondern beschädigen. Nicht streiten, sondern entwerten. Man kennt das auch von Merz. Ein Wort, ein falscher Akzent, und wochenlang ist nur noch „Stadtbild“. Als gäbe es nichts anderes mehr zu denken. Verachtung ist in der Politik oft schneller als jedes Argument.

Das funktioniert deshalb so gut, weil es vertraut ist. Ich sehe es nicht nur in Zeitungen. Ich sehe es in Räumen, in denen Menschen zusammensitzen und einer plötzlich weniger gilt. Manchmal reicht ein Blick, ein Tonfall, ein ironischer Satz. In Familien passiert das leiser. Ein Kind, das „schwierig“ ist. Eines, das man nicht richtig ernst nimmt. Nicht, weil es böse ist, sondern weil es anstrengend ist. Verachtung beginnt selten brutal. Meist beginnt sie bequem.

In der Therapie taucht sie manchmal als Nebengeräusch auf. Nicht offen, eher als Abkürzung. Wenn jemand über andere spricht, als wären sie zu simpel, zu schwach, zu viel. Manchmal spürt man dann kurz, wie ruhig es wird. Keine Ambivalenz mehr, keine Unsicherheit. Nur Ordnung. Die eigene Verletzlichkeit ist für einen Moment verschwunden. Das ist der Gewinn. Und der Preis.

Denn Verachtung beendet Beziehung. Sie schafft Distanz, wo eigentlich Kontakt nötig wäre. Wer verachtet, muss nichts mehr aushalten – weder im Anderen noch in sich selbst. Vielleicht ist das ihr größter Reiz.

Ich bleibe an dieser Stelle hängen, ohne sie aufzulösen. Nicht jede Beobachtung braucht einen Ausweg. Manche müssen liegen bleiben, damit sie wirken. Ich klappe die Zeitung zu, nicht aus Klarheit, sondern weil kein Platz mehr ist. Nicht auf dem Tisch. Und auch nicht im Kopf.

 

Autorennotiz
Dieser Text entstand aus der Beobachtung, dass manche Gesten lauter sprechen als Programme und dass Verachtung oft mehr erklärt als Argumente. Er verbindet Zeitung, Alltag und therapeutische Erfahrung, ohne sie ordentlich zu sortieren. Wer sich irgendwo wiederfindet, tut das auf eigene Verantwortung. Der Autor jedenfalls saß nur da.

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