Mein Nachbar besitzt mehr Sitzgelegenheiten als ein italienisches Straßencafé.
Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, als der vierte Stuhl auftauchte. Seitdem erscheinen in unregelmäßigen Abständen neue Möbelstücke im Garten, als würde nachts heimlich eine Filiale von Ikea eröffnet. Ein Liegestuhl unter dem Balkon, ein Holzstuhl am Baum, zwei weitere strategisch günstig auf der Terrasse verteilt. Sämtliche Modelle haben eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Von jedem einzelnen aus kann man direkt in unser Küchenfenster schauen. Man könnte das als aufdringlich empfinden. Ich habe beschlossen, es als Freilichtkino zu betrachten.
Morgens trinke ich meinen Kaffee und sehe nach, ob der Hauptdarsteller schon auf der Bühne sitzt. Meistens sitzt er schon. Mit einem Glas Wein, obwohl die Uhrzeit noch nicht unbedingt dafür spricht, und mit einer Gelassenheit, die man sonst nur von Rentnern in Kurparks oder sehr zufriedenen Katzen kennt. Neben ihm seine Freundin, die ungefähr alle dreißig Minuten aufsteht, um eine Blüte abzuzupfen, die für normale Menschen vollkommen in Ordnung ausgesehen hätte. Der Garten ist tadellos. Es gibt Menschen, die einen Garten besitzen. Mein Nachbar scheint von seinem Garten besessen zu sein.
Vor einigen Wochen fand ich einen anonymen Brief im Briefkasten. Meine Bienen seien eine unzumutbare Belastung, der Balkon gegenüber nicht mehr benutzbar und ich möge bitte innerhalb von vierzehn Tagen für eine geeignete Barriere sorgen. Anonymität ist eine merkwürdige Form der Nachbarschaftspflege. Sie verbindet die Entschlossenheit eines Verwaltungsaktes mit dem Charme eines Drohbriefes. Ich musste trotzdem lachen. Denn zwischen meinen Bienen und dem Balkon steht bereits eine Barriere. Sie ist ungefähr zehn Meter hoch, wurde allerdings vor Jahren entfernt, weil mein anderer Nachbar mehr Sonne wollte. Gegen Licht ist schwer zu argumentieren.
Also pflanzte ich neue. Paulownien. Die wachsen erstaunlich schnell. Jeden Morgen stehen sie ein paar Zentimeter höher da, als hätten sie nachts heimlich einen Wachstumskurs besucht. Inzwischen bilden sie eine freundliche grüne Wand zwischen meinem Küchenfenster und dem Freiluftcafé nebenan. Ich gieße sie regelmäßig. Manchmal sogar mit einer gewissen Hingabe. Dann ziehe ich abends meine Sonnenbrille auf, nehme den Gartenschlauch in die Hand und bewege mich langsam in Richtung Grundstücksgrenze. Es ist einer der wenigen Momente, in denen wir Nachbarn wortlos miteinander kommunizieren.
Früher habe ich übrigens auch seine Blumen mitgegossen. Sie sehen hervorragend beneidenswert aus. Das Hellgrün meiner jungen Paulownien vor den sorgfältig gepflegten Beeten hat etwas Beruhigendes. Nur die vier Stühle stören die Komposition ein wenig. Und gelegentlich der Besitzer, der zwischen Liegestuhl, Wein und Fitnessgerät pendelt wie ein philosophischer Flamingo.
Seit dem anonymen Brief beobachte ich meinen Nachbarn allerdings noch aufmerksamer. Nicht aus Misstrauen. Aus wissenschaftlichem Interesse. Man muss Gelegenheiten nutzen, wenn einem das Leben ein Langzeitexperiment direkt hinter den Gartenzaun stellt. Er sitzt erstaunlich häufig dort. Manchmal mit Rotwein. Manchmal mit Weißwein. Manchmal mit Marihuana. Der Übergang scheint fließend zu sein. Ich beginne langsam, an eine Art Farbkonzept zu glauben, das sich mir allerdings noch nicht erschlossen hat.
Während ich gieße, denke ich erstaunlich selten über Bienen nach. Ich denke über Wachstum nach. Vielleicht deshalb, weil meine Paulownien genau das tun, was in Deutschland gerade aus der Mode gekommen zu sein scheint. Sie wachsen einfach. Sie bilden keine Arbeitsgruppe. Sie beantragen keine Evaluation. Sie veranstalten keine Konferenz über nachhaltiges Höhenwachstum. Sie wachsen. Geräuschlos. Unaufgeregt. Fast provokant.
In Berlin dagegen diskutiert man seit Monaten über Brandmauern, Reformen, Renten, Zuständigkeiten und Sommerpausen. Kaum ist eine Idee geboren, gründet sich schon eine Kommission zu ihrer sorgfältigen Vermeidung. Danach fährt man erst einmal in den Urlaub.
Meine Paulownien kennen keine Sommerpause. Sie tun das, was gute Gärtner, gute Eltern und manchmal auch gute Therapeuten seit jeher wissen: Wer möchte, dass etwas größer wird, muss gießen und nicht debattieren. Im Garten interessiert sich niemand dafür, ob die Rose mehr Wasser bekommt als die Hortensie. Niemand fordert eine gerechte Umverteilung des Komposts oder einen Solidaritätsbeitrag der Sonnenblumen. Man freut sich einfach, wenn etwas wächst.
Während die Bäume wachsen, sitze ich gelegentlich im Café ein paar Straßen weiter. Dort, wo früher die Zuckerfabrik stand. Aus der Zuckerfabrik wurden Eigentumswohnungen. Aus Eigentumswohnungen wurden Tiefgaragen. Aus Tiefgaragen wurden Parkgebühren. Und aus Parkgebühren wurde bei mir regelmäßig schlechte Laune. Das gehört vermutlich zum Wirtschaftskreislauf.
Neulich saß ich dort mit einem Cappuccino und einer Breze. Eigentlich hatte ich eine Mohnschnecke gewollt. Vielleicht sogar zwei. Mein Bauch hatte jedoch eine andere Auffassung von Freiheit und Demokratie als mein Kopf, weshalb die Entscheidung schließlich zugunsten der Breze ausfiel. Während ich dort saß, begann ich zu rechnen. Das mache ich gelegentlich. Man sieht eine Tiefgarage und denkt automatisch darüber nach, wie viel Geld sich damit verdienen lässt. Fünfzig Stellplätze. Acht Stunden. Anderthalb Euro. Irgendwann landet man bei Summen, die einen kurz glauben lassen, man habe den falschen Beruf gewählt. Ich war gedanklich bereits auf halbem Weg zum Immobilienentwickler, als ein Lieferwagen der Tafel vorfuhr.
Ein älterer Herr stieg aus. Graue Haare. Freundliches Gesicht. Diese Sorte Mensch, bei der man sofort denkt, dass sie vermutlich mehr für ihre Mitmenschen tut als die meisten Kommentatoren im Internet. Er schob Wagen voller Brote und Brötchen in den Transporter. Kistenweise. Offenbar Dinge, die nicht verkauft worden waren. Ich beobachtete ihn eine Weile. Nicht aus Misstrauen. Eher aus Neugier.
Denn plötzlich passte die Rechnung nicht mehr. Die Tiefgarage war noch da. Der Bauträger auch. Die Eigentumswohnungen ebenfalls. Aber gleichzeitig stand dort dieser Mann und lud Brot ein. Irgendwo zwischen Parkticket, Cappuccino und Eigentumswohnung funktionierte plötzlich etwas. Ganz ohne Schlagzeile. Ganz ohne Regierungskommission. Ganz ohne Podiumsdiskussion. Einfach so. Das Brot wanderte weiter. Der Wagen fuhr davon. Die Menschen im Café unterhielten sich über belanglose Dinge.
Und die Paulownien wuchsen wahrscheinlich ebenfalls weiter. Vielleicht ist das überhaupt das Merkwürdige am Wachstum. Es geschieht fast immer leise. Die Empörung produziert täglich Nachrichten. Das Wachsen meistens nur Blätter.
Und deshalb habe ich beschlossen, vorerst weder Immobilienentwickler noch Revolutionär zu werden. Ich werde stattdessen weiter meine Paulownien gießen. Und falls die Sicht irgendwann vollständig verdeckt ist, werde ich vermutlich feststellen, dass ich meinen Nachbarn vermisse. Zumindest ein kleines bisschen. Dann muss ich mir wohl einen höheren Liegestuhl kaufen.
Autorennotiz:
Was haben ein neugieriger Nachbar, Bienen, Paulownien, ein Café und eine Tiefgarage gemeinsam? Ein persönlicher Spaziergang über Wachstum, Nachbarschaft, Politik und die kleinen Dinge, die oft mehr über eine Gesellschaft erzählen als große Debatten.