Es gibt gute Nachrichten: Wir sind nicht kränker geworden. Wirklich nicht. Wir sind nur besser erfasst. Früher waren wir genauso krank – wir haben es nur nicht ordentlich gemeldet. Heute melden wir es. Digital. Bewusst. Achtsam. Mit einem Klick. So zumindest erklären es Fachleute. Fachleute sind Menschen, die Dinge sehr ruhig sagen können wie: „Dafür gibt es keine Hinweise.“ Hinweise sind das, was andere Leute Alltag nennen. Aber Alltag ist kein valider Begriff. Statistik schon. Die steigenden Krankheitstage, lernen wir, haben mehrere wahre Ursachen: erstens eine verbesserte Erfassung, zweitens stärkere Krankheitswellen, drittens einen bewussteren Umgang mit Krankheit.

Das klingt sehr vernünftig. So vernünftig, dass man es kaum wagt zu fragen, warum dieser bewusste Umgang mit Krankheit in manchen Betrieben eher meditativ und in anderen fast asketisch ausfällt. In bestimmten Berufen etwa – man hört das nur leise, fast verschämt – scheint Krankheit etwas zu sein, das man möglichst diskret zwischen zwei Nachtschichten erledigt. Ärzte zum Beispiel. Menschen, die erstaunlicherweise seit Jahrzehnten unter denselben Viren leiden, aber trotzdem auftauchen. Verschnupft, fiebrig, aber anwesend. Maskenlos, früher. Maskiert, heute. Improvisierend, immer. Niemand käme dort auf die Idee, beim ersten Kratzen im Hals ein inneres Zwiegespräch mit der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu führen. Nicht aus Heldentum – sondern weil es schlicht nicht vorgesehen ist.

In anderen Bereichen hingegen hat sich eine bemerkenswerte Kultur entwickelt. Krankheit wird dort nicht mehr nur erlebt, sondern gestaltet. Flexibel. Kreativ. Bedarfsgerecht. Man könnte fast von einem arbeitsfreien Lebensmodell mit medizinischem Unterbau sprechen. Ein schönes Beispiel – rein anekdotisch natürlich – ist meine Freundin einer Freundin, nennen wir sie Olga. Olga arbeitete irgendwo. Wo genau, ist unwichtig. Wichtig ist nur: Olga verstand das System. Während sie offiziell krank war, baute sie mit erstaunlicher Energie ihre eigene Praxis auf. Öffentlich. Fröhlich. Lautstark. Kranksein schien ihr nicht im Geringsten zu schaden – im Gegenteil, es setzte offenbar Kräfte frei. Als man sie darauf ansprach, soll sie gelächelt und sinngemäß gesagt haben: Man müsse Systeme nutzen, wenn sie existieren. Das sei doch nichts Persönliches.

Und genau das ist der Punkt, den Fachleute so ungern anfassen. Denn offiziell gibt es keinen systematischen Missbrauch. Studien zeigen das. Studien sind beruhigend. Sie haben Tabellen. Und sie fragen selten Menschen, die morgens plötzlich allein im Betrieb stehen, weil Statistik und Belegschaft gleichzeitig ausgefallen sind. Stattdessen wird erklärt: Schlechte Chefs machen krank. Das stimmt. Gute Chefs offenbar auch – nur weniger erklärbar. Und Arbeitsmoral? Ein schwieriges Wort. Es klingt nach Vergangenheit. Nach Pflicht. Nach Dingen, die man lieber externalisiert. Viel eleganter ist es, von Verantwortungssystemen zu sprechen. Oder von Belastungsprofilen. Oder von pandemisch erlernten Verhaltensänderungen. Dass sich dabei auch innere Grenzen verschieben könnten, ist kein offizieller Befund. 

Natürlich wäre all das halb so wirksam, wenn es nicht zuverlässig weiterverarbeitet würde. Hier betreten wir das zweite stabile Standbein der Debatte: die Medien. Medien haben es nicht leicht. Sie müssen täglich erklären, was kompliziert ist, mit wenig Platz, viel Tempo und der permanenten Drohung, dass jemand sonst schneller klickt. Und so entsteht jene eigentümliche Form von Wahrheit, die nicht falsch ist, aber auch nicht überprüft.

„Fachleute widersprechen“, heißt es dann.
„Studien zeigen“, liest man.
„Die wahren Ursachen“, steht in der Überschrift.

Welche Fachleute? Welche Studien? Welche Ursachen genau – und warum gerade diese? Das bleibt oft so diskret wie eine Krankschreibung per Telefon. Man könnte das Recherche nennen, aber eigentlich ist es eher Weiterreichen mit akademischem Siegel. Ein Institut sagt etwas, ein anderes zitiert es, die Presse greift es auf, die nächste Zeitung verweist auf die erste – und am Ende weiß jeder: Der Krankenstand ist gestiegen, aber niemand ist schuld. Außer vielleicht die Statistik. Das ist nicht dumm. Im Gegenteil. Es ist ausgesprochen effizient. Empörung gibt Klicks, Entlastung des Lesers auch. Wer liest nicht gern, dass strukturelle Faktoren verantwortlich sind und nicht etwa individuelle Entscheidungen? So bleibt man solidarisch mit sich selbst.

Dass politische Aussagen dabei gern auf eine einzige unglückliche Formulierung reduziert werden – etwa wenn jemand wie Friedrich Merz versucht, ein reales Problem anzusprechen und dabei die falsche Tür erwischt –, gehört zum Handwerk. Der Satz wird isoliert, der Kontext entsorgt, die Debatte eröffnet. Und beendet. Am besten gleichzeitig. Zurück bleibt eine beruhigende Botschaft: Alles ist erklärt. Alles ist eingeordnet. Niemand macht blau. Und wer das anders erlebt, sollte vielleicht weniger fühlen und mehr lesen.

Besonders charmant ist der Verweis auf den Schutz anderer: Man solle lieber zu Hause bleiben, um niemanden anzustecken, wenn man diese Empfehlung aus dem Munde eines Krankenkassenchefs hört, der in Interviews gern erklärt, wie wichtig es sei, sich gegenseitig nicht anzustecken – und dabei unauffällig vergisst, dass Abwesenheit für Kassen deutlich günstiger ist als Anwesenheit. Medizinisch sinnvoll, ohne Zweifel. Aber als allgemeine Lebensphilosophie führt es zu interessanten Fragen. Zum Beispiel: Warum tragen wir dann nicht einfach Masken? Masken gibt es genug. Ganze Lager davon. Wahrscheinlich hat der Staat noch Paletten im Keller. Man könnte sie monatlich zusammen mit dem Krankenversicherungsbeitrag verschicken. „Ihre Maske des Monats.“ Dann könnten alle gleichzeitig gesund bleiben und anwesend sein – ein revolutionärer Gedanke.

Aber vielleicht ist auch das zu pragmatisch gedacht. Fachleute würden vermutlich einwenden, dass Masken zwar helfen, aber nichts über Statistik aussagen. Und Statistik ist schließlich das Entscheidende. Sie sagt uns: Alles ist erklärbar. Alles ist eingeordnet. Niemand macht blau. Niemand nutzt Systeme aus. Niemand denkt: Es geht ja. Und falls doch jemand diesen Eindruck hat, dann ist das wahrscheinlich nur persönliche Wahrnehmung. Und persönliche Wahrnehmung ist bekanntlich hochgradig subjektiv – im Gegensatz zur Wahrheit. Die Wahrheit liegt in Studien. Und Studien sagen: Es ist kompliziert. Aber unproblematisch.

Vielleicht ist das die eigentliche Leistung dieser Debatte: Sie zeigt, wie beruhigend es ist, wenn Zahlen uns erklären, dass das, was wir täglich erleben, so nicht gemeint sein kann. Wir sind nicht kränker geworden. Wir sind nur besser gezählt.
Und wer gezählt wird, darf sich auch mal hinlegen.

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