Am 1. April stand ich in Nabburg vor der Friedhofskirche und wartete auf einen Storch. Es regnete. Nicht dramatisch. Kein Regen, der einen vertreibt. Eher dieser ruhige, gleichmäßige Regen, der dafür sorgt, dass man ein paar Minuten länger stehen bleibt als geplant. Einer von diesen Tagen, an denen selbst die Zeit ein bisschen langsamer läuft.
Der Storch war gerade weggeflogen. Ich blieb trotzdem noch. Vielleicht, dachte ich, kommt er ja zurück. Und natürlich kam er genau in dem Moment zurück, als ich innerlich beschlossen hatte zu gehen. Das scheint ein Naturgesetz zu sein: Störche erscheinen zuverlässig immer dann, wenn man nicht mehr damit rechnet. Auf dem Dach standen zwei. Sie standen dort oben, als hätten sie nie gefehlt. Als hätten sie kurz nachgesehen, ob Nabburg noch da ist, und beschlossen, dass man wiederkommen kann. Früher galten Störche als Glücksbringer. Sie brachten Kinder, sagte man. Heute bringen sie vielleicht etwas anderes zurück: das Gefühl, dass nicht alles gleichzeitig aus den Fugen geraten kann. Von der Kirche aus kann man über die Landschaft schauen. Über die feuchten Wiesen entlang des Flusses. Über Felder, die so aussehen, als hätten sie mit Weltpolitik nichts zu tun. Vielleicht stimmt das sogar.
Vielleicht interessiert es einen Storch tatsächlich nicht, ob irgendwo gerade eine Meerenge blockiert wird. Am selben Nachmittag jedenfalls las ich Nachrichten. Das sollte man nicht tun, wenn man gerade zwei Störche gesehen hat.
Ein Präsident sitzt am Rand eines Käfigkampfs. Männer schlagen sich gegenseitig ins Gesicht, während Kameras laufen und das Publikum jubelt. Früher hätte man so etwas für eine Randnotiz gehalten. Heute gehört es offenbar zum politischen Rahmenprogramm. Früher eröffnete man Gipfeltreffen mit Reden. Heute offenbar mit Ringrichter.
Kurz danach liest man, dass derselbe Präsident darüber entscheidet, ob Tanker durch eine Meerenge fahren dürfen oder nicht, von deren Existenz man früher nur wusste, dass sie irgendwo zwischen Atlas und Benzinpreis lag, bis sie plötzlich zur Fernbedienung der Weltwirtschaft wurde. Man fragt sich einen Moment lang, ob hier vielleicht zwei verschiedene Nachrichten durcheinandergeraten sind. Aber es ist dieselbe. Inzwischen scheint Weltpolitik gelegentlich wie eine Mischung aus Reality-Show und Geografieunterricht stattzufinden. Irgendwo wird eine Straße von Hormus blockiert, anderswo verhandelt man Frieden mit Bedingungen, die aussehen wie Drohungen, und währenddessen erklärt jemand sehr ernsthaft, dass Demokratie eigentlich auch ohne Opposition ganz gut funktionieren könne.
Es ist erstaunlich, wie schnell sich solche Sätze lesen lassen. Noch erstaunlicher ist, wie viele Menschen sie inzwischen für normal halten.
Nach der Straße von Hormus folgt Deutschland. Das ist kein geografischer Zusammenhang, sondern ein redaktioneller. Da ist plötzlich wieder von Wahlprogrammen die Rede, die sich anhören, als hätte jemand versehentlich ein Kapitel aus einem älteren Jahrhundert eingelegt. Wahlprogramme wirken in solchen Momenten gelegentlich wie Reiseführer in eine Vergangenheit, die man eigentlich nur aus dem Geschichtsunterricht kennt. Grenzen sollen verschwinden oder wieder erscheinen, je nach Bedarf. Geschichte wird korrigiert wie ein falsch gesetztes Komma. Und irgendwo steht ein Ministerpräsident und erklärt, dass Souveränität vor allem dann schön ist, wenn sie möglichst wenig Nachfragen zulässt.
Manchmal wirkt Europa in diesen Tagen wie eine alte Wohnung, in der mehrere Bewohner gleichzeitig beschlossen haben, die tragenden Wände zu verschieben. Manche nennen das Renovierung. Andere nennen es Souveränität.
Man blättert weiter. Und plötzlich geht es um Sommerzeit. Während anderswo Meerengen blockiert werden, prüft Deutschland weiterhin brav, ob es sinnvoll ist, im März eine Stunde zu verlieren. Stabilität beginnt bekanntlich im Kalender. Seit Jahren wird darüber gesprochen, ob sie abgeschafft werden soll. Es gibt Kommissionen, Abstimmungen, Bürgerbefragungen, Stellungnahmen und vermutlich mehrere sehr engagierte Arbeitsgruppen, die sich mit der Frage beschäftigen, ob es sinnvoll ist, im März eine Stunde zu verlieren, die im Oktober wieder auftaucht. Es ist beruhigend zu wissen, dass manche Probleme nicht eskalieren.
Danach liest man etwas über Energiepreise. Dann über Förderprogramme. Dann über Streiks. Dann über Reformen, die angekündigt werden. Und über Reformen, die angekündigt bleiben.
Deutschland wirkt in solchen Momenten wie ein Land, das beschlossen hat, sich nicht an jeder weltpolitischen Aufregung unmittelbar zu beteiligen, sondern zunächst einen Ausschuss einzusetzen. Manchmal ist das eine Stärke. Manchmal ist es einfach eine Gewohnheit.
Und irgendwo in der Ostsee schwimmt seit Tagen ein Wal. Eigentlich schwimmt er nicht mehr richtig. Er sucht einen Ausgang, den Karten längst kennen, den Tiere aber nicht lesen können. Boote begleiten ihn. Experten erklären Strömungen. Menschen stehen am Ufer und verfolgen seine Route, als hinge etwas Persönliches davon ab. Vielleicht tut es das sogar. Denn während anderswo Meerengen blockiert werden, versucht hier jemand, einem einzelnen Tier den Weg zurück ins offene Wasser zu zeigen.
Es ist eine merkwürdige Gleichzeitigkeit. Hier entscheidet jemand über Tanker. Dort wartet jemand auf einen Wal. Und in Nabburg stehen zwei Störche auf einer Kirche. Sie stehen dort oben mit einer Ruhe, die nicht nach Zustimmung fragt. Der Regen läuft über die Dächer, unten glänzen die Wiesen entlang des Flusses, und offenbar gibt es noch genug Frösche, damit sich eine Rückkehr lohnt. Störche prüfen keine Bündnisse. Sie prüfen Landschaft. Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied. Wir versuchen herauszufinden, ob alles noch funktioniert. Sie prüfen nur, ob es noch Wasser gibt.
Der Wal sucht den Ausgang. Der Storch findet den Weg zurück.
Autorennotiz
Der Autor schreibt über Landschaften, Begegnungen und das leise Unbehagen der Gegenwart. Seine Texte entstehen zwischen Praxisalltag, Politikbeobachtung und Spaziergängen in der Oberpfalz.