Am Anfang meiner ärztlichen Laufbahn hatte ich einen Chefarzt, der mir etwas beibrachte, das heute fast altmodisch klingt. Er ließ die Patienten laufen. Nicht aus pädagogischem Ehrgeiz, sondern um zu sehen. Er schaute auf das Gangbild, auf kleine Ausweichbewegungen, auf das, was der Körper verriet, bevor irgendein Gerät es tat.

Er war Neurologe, ein hervorragender Diagnostiker, und er sagte einmal zu mir: Heute wird zu schnell geschaut – aber zu wenig hingesehen. Die Bildgebung komme sofort, die Untersuchung später, manchmal gar nicht mehr. Dabei könne man vieles erkennen, wenn man sich Zeit nehme.

Ich erinnere mich, wie er mir erklärte, woran man ein Hüftproblem erkennt und dass es eben kein Schlaganfall ist, kein zentrales Geschehen. Ich weiß die Begriffe nicht mehr genau, aber ich erinnere mich an das Gefühl: So denkt jemand, der versteht, was er sieht.

Damals gab es weniger Bilder. Man musste lesen, tasten, vergleichen. Man musste sich ein Bild machen, bevor man ein Bild hatte.

Heute scheint es oft umgekehrt zu sein.

Man schließt sorgfältig aus – neurologisch, orthopädisch, radiologisch. Das ist korrekt. Es ist notwendig. Und doch bleibt manchmal etwas Entscheidendes unberührt. Man weiß dann sehr genau, was es nicht ist. Aber man weiß noch nicht, was es ist.

Vielleicht musste ich deshalb an ein Essay denken, das ich kürzlich gelesen habe. Der Text ist witzig, fast beiläufig, und gerade deshalb so treffsicher. Darin kniet eine Nachbarin hingebungsvoll vor einem winzigen Beet um einen Straßenbaum. Die Pflanzen sind eigenschaftslos, ohne erkennbare Blüten. Aber sie werden regelmäßig gejätet, umsorgt, gepflegt.

Später liegt dieselbe Frau kontrolliert auf einer Treppe und stretcht. Sie tut etwas für ihren Körper. Sehr sichtbar. Sehr korrekt. Und irgendwie auch sehr leer.

Das Komische an dieser Szene ist nicht das Stretching selbst. Es ist die Ernsthaftigkeit, mit der es betrieben wird. Als müsse immer etwas geschehen. Als dürfe nichts einfach so sein. Der Körper wird gedehnt, vorbereitet, geschmeidig gehalten. Man könnte jederzeit beginnen. Oder weitermachen. Oder sich verbessern.

Das Stretching wirkt wie Bewegung, ohne wirklich Bewegung zu sein. Es ist Aktivität ohne Risiko, ohne Überraschung. Man kommt nicht aus der Fassung, man bleibt bei sich. Vielleicht ist genau das der Reiz.

In der Therapie begegnet man ähnlichen Verschiebungen. Menschen tun viel. Sie strukturieren, ordnen, optimieren. Und meiden zugleich alles, was sie berühren könnte. Aktivität tritt an die Stelle von Kontakt. Ordnung an die Stelle von Beziehung.

Auch gesellschaftlich scheint mir das vertraut. Man analysiert, kommentiert, reagiert. Man misst, bewertet, erklärt. Und übersieht dabei leicht, dass das Entscheidende nicht dort liegt, wo es am lautesten ist.

Der Chefarzt hätte den Patienten noch einmal laufen lassen.
Nicht, um etwas Neues zu finden.
Sondern um das Offensichtliche nicht zu übersehen.

Der Text über das Stretching endet übrigens nicht mit einer Diagnose. Er endet mit einem Trauerfall. Ein unsportlicher Mensch stirbt. Die Schüler tragen Trikots zu seinem Andenken. Und plötzlich ist etwas da, das sich nicht dehnen lässt, nicht trainieren, nicht optimieren.

Der Moment bleibt stehen.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem man aufhören sollte, weiter zu erklären.

 

Autorennotiz:

Entstanden aus ärztlicher Erfahrung, therapeutischer Arbeit und der schlichten Beobachtung, dass man Schmerzen nicht findet, wenn man an ihnen vorbeischaut.

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