Ich sitze am Flughafen, zwischen Gate und Schaum. Oder vielleicht zwischen Gate und Scham – ganz sicher bin ich mir nicht. Abflughalle, Cappuccino, dieses diffuse Gefühl, irgendwo gelandet zu sein, ohne es wirklich zu wollen. Starbucks ist kein Ort, den man auswählt. Es ist ein Ort, an dem man endet, wenn Entscheidungen müde geworden sind. Ich nehme den Cappuccino nur, weil er mir in einer Tasse serviert wird. Dafür muss man inzwischen betteln. Ein Pappbecher wäre zu viel gewesen. Man muss seine letzten Bastionen kennen.
Über mir fließt Englisch. Auf den Monitoren, in den Durchsagen, auf den Schildern. Welcome to Bavaria. Ready to take-off. Boarding now. Alles klingt freundlich, glatt, international – und seltsam leer. Früher hätte mich das kaum irritiert. Heute frage ich mich, wann wir eigentlich beschlossen haben, uns selbst zu übersetzen, bevor überhaupt jemand danach gefragt hat. Als hätten wir vorsorglich kapituliert. Sprache als Serviceleistung. Deutsch nur noch optional, Bayerisch bestenfalls Folklore.
Ich denke an Frankreich. An die Académie française. An dieses fast schon trotzig-altmodische Beharren darauf, dass Französisch gesprochen wird. Punkt. Nicht aus Arroganz, sondern aus Selbstachtung. Dort wird Sprache nicht optimiert, sondern verteidigt. Vielleicht ist das nicht modern. Vielleicht aber genau deshalb würdevoll. Während wir hier „Welcome“ sagen, um niemanden zu überfordern, sagen sie einfach „Bienvenue“ – und trauen dem Gegenüber zu, es auszuhalten.
Neben mir boxt ein Kind seinem Vater spielerisch in den Bauch. Immer wieder. Der Vater lacht tapfer, als hätte er unterschrieben, nichts mehr sagen zu dürfen. Ein großer Hund reibt sich ungehemmt an fremden Menschen, niemand greift ein. Freiheit, denke ich. Oder Orientierungslosigkeit. Man verwechselt das heute ja gern. Grenzen gelten schnell als autoritär, Halt als Zumutung. Am Ende wundert man sich, warum alles aneinanderreibt.
Der Cappuccino schmeckt nach Kompromiss. Auf dem Beleg steht ein Name, den ich mir nicht ausgesucht habe. Ein kleiner Gag, sagen sie. Ich denke kurz an Fingerabdrücke, an biometrische Daten, an Einreiseformulare. Wie bereitwillig wir alles hergeben – Daten, Sprache, Haltung – solange es freundlich verpackt ist. Vielleicht bin ich gerade unfair. Vielleicht auch nur schlecht gelaunt. Vielleicht bin ich auch einfach müde vom Imperium und projiziere meine Laune auf Leuchtschriften. Aber irgendetwas daran fühlt sich schief an.
Gestern habe ich eine Serie gesehen. Eine Liebesgeschichte. Eigentlich eine Geschichte über Übersetzung. Ein Mann, der viele Sprachen spricht. Und das Entscheidende: Er übersetzt nicht alles. Beleidigungen lässt er liegen. Entwürdigungen gibt er nicht weiter. Er filtert – nicht aus Höflichkeit, sondern aus Haltung. Übersetzen wird bei ihm zu einer ethischen Handlung. Würde ist das Kriterium, nicht Worttreue.
Und irgendwann schützt er eine Frau, die er kaum kennt. Nicht, indem er lügt, sondern indem er etwas anderes sagt als das, was gesagt werden sollte. Etwas, das ihre Würde bewahrt. Ich bleibe bei diesem Gedanken hängen. Vielleicht ist das die Übersetzung, die wir verlernt haben: nicht alles weiterzureichen. Nicht alles zu glätten. Sondern zu entscheiden, was überhaupt gesagt werden darf.
Denn wir übersetzen ständig. Unsere Aggressionen. Unsere Ängste. Unsere Macht. Unsere Werte. Und wir tun es oft zu schnell, zu bereitwillig, zu angepasst. Wir nennen es Offenheit, meinen aber Konfliktvermeidung. Wir nennen es Internationalität, meinen aber manchmal Selbstverzicht.
Während wir noch überlegen, ob „Willkommen in Bayern“ jemanden irritieren könnte, haben wir uns längst selbst neutralisiert. Sprache wird freundlich, glatt – und austauschbar. Und mit ihr verschwindet etwas Unmodisches, aber Wichtiges: Würde.
Dann sehe ich es. Fast unscheinbar auf einem Display: Servus in Minga. Kein Englisch. Keine Erklärung. Kein Marketing. Ein Wort, das nicht übersetzt werden will, weil es mehr ist als Information. Haltung. Nähe. Eigenes Terrain.
Ich merke, wie ich lächle. Vielleicht beginnt Selbstachtung genau dort. Nicht alles zu übersetzen. Nicht alles durchzulassen. Manches einfach stehen zu lassen.
Servus.
Autorennotiz
Diese Texte entstehen unterwegs. Zwischen Terminen, Begegnungen, politischen Schlagzeilen und therapeutischen Gesprächen. Sie sind kein Kommentar und keine Theorie, sondern der Versuch, wahrzunehmen, bevor man sich festlegt. Was daraus wird, weiß ich oft selbst erst am Ende.