Trennungsangst entsteht häufig nicht nur aus der Situation der Trennung selbst, sondern auch aus der Bedeutung, die Kinder ihr geben. Welche Wirkungen wir Erwachsenen dabei unbeabsichtigt mitgestalten können, beschreibt eine kurze Beobachtung aus dem Praxisalltag:
→ Nicht jede Wirkung zählt
Schulvermeidung kann in unterschiedlicher Form auftreten. Während manche Schüler nur vereinzelt fehlen, bleiben andere Kinder und Jugendliche dem Unterricht oft über Wochen oder gar Monate komplett fern. Wenn ein Kind sich auf Dauer weigert in die Schule zu gehen, nimmt es immer viele negative Konsequenzen auf sich. Lehrer und Schulen schalten sich ein, oft kommt es zu Streit mit den Eltern. Nicht selten führen Atteste von unterschiedlichen Ärzten wegen Bauchschmerzen und anderen psychosomatischen Störungen zu langen Abwesenheiten in der Schule und damit zu langen Fehlzeiten. Der Kinder- und Jugendpsychiater wird meist erst dann dazugeholt, wenn das Kind schon lange die Schule verweigert.
Als Ursache gibt es unterschiedliche mögliche Erklärungen. Zum Einen gibt es Kinder, denen es schwer fällt, sich an Regeln und Absprachen zu halten und für die es positivere Alternativen als die Schule gibt (morgens ausschlafen, sich mit Freunden treffen) und die diagnostisch nicht als angstbedingte, sondern als dissoziale Schulvermeidung (Störung des Sozialverhaltens) einzuordnen sind. Zum Anderen gibt es solche, die nicht mehr zur Schule gehen, weil sie damit Situationen verbinden, die heftigste Angst auslösen. So können unrealistische Befürchtungen, den Eltern oder anderen engen Bezugspersonen könne etwas zustoßen (wodurch sie dauerhaft voneinander getrennt wären) dazu führen, dass die betroffenen Kinder nicht mehr zur Schule oder den Kindergarten gehen. Sie schreien laut, weinen oder klammern sich an die Bezugsperson fest. Außerdem kommen körperliche Symptome wie Bauchschmerzen oder Übelkeit vor, die in der Regel rasch nachlassen wenn die erwartete Trennung nicht eintritt.
Trennungsschwierigkeiten äußern sich beispielsweise auch am Abend, wenn die Kinder allein ins Bett gehen müssen, oder bei geschlossener Tür schlafen müssen. Es kann vorkommen, dass die Kinder immer wieder aufstehen und sich vergewissern, ob die Bezugsperson noch da ist. Häufig vermeiden die Kinder auswärts zu schlafen oder haben Albträume, in denen Trennung eine Rolle spielt.
Eine Störung mit Trennungsangst soll nur dann diagnostiziert werden, wenn die Furcht vor Trennung den Kern der Angst darstellt und wenn eine solche Angst erstmals während der frühen Kindheit auftritt. Sie unterscheidet sich von der normalen Trennungsangst durch eine unübliche Ausprägung, eine abnorme Dauer über die typische Altersstufe hinaus und durch deutliche Probleme in sozialen Funktionen (Definition nach ICD-10).
Ein Weg, um die Angst zu reduzieren ist vor allem die Stärkung des Selbstvertrauens des Kindes. In der Förderung von Selbstständigkeit wird das Kind für kleine Erfolg im Alltag belohnt. Auch kann die Kraft der Vorstellung in der Therapie mit eingesetzt werden. So werden Kinder schrittweise und behutsam in die angstauslösende Situation geführt, wodurch die Angst abnimmt. Häufig ist es unabdingbar, parallel zur Einzeltherapie auch Familientherapie anzubieten. Außerdem können Entspannungsverfahren und Gruppentherapien helfen, das Gefühl der Angst zu überwinden.